Zwischen Girlboss-Ideal, Selbstoptimierung und der ewigen Jagd nach dem nächsten Ziel verlieren wir manchmal den Blick für das, was bereits da ist. Ein persönlicher Blick auf die Kunst, nicht alles im Griff haben zu müssen.
Dies erreicht, das geschafft, das nächste Ziel genau vor Augen – und wenn das erledigt ist, dann, ja dann … Genau diese Gedankenspirale hat mich zu diesem Thema gebracht, das mir seit einer Weile nicht mehr aus dem Kopf geht: Heute reicht es oft nicht mehr, einfach zufrieden zu sein – das Leben soll sichtbar erfolgreich, immer spannend und produktiv aussehen.
Am Anfang waren es nur Stichwörter und Sätze in meiner Notizen-App – flüchtige Gedanken, ein erster Draft. Jetzt sind sie zu einem Text geworden. Nicht glatt, nicht vollständig, aber ehrlich. Sie betreffen mich, Mitte zwanzig – vielleicht auch dich, egal in welchem Lebensabschnitt. Aber so unterschiedlich wir sind, eines ist gleich: Was würde ich meinem vergangenen Ich über ihr jetziges Leben erzählen und ihr mit auf den Weg geben in einer so glanzvoll erscheinenden Welt?
Einige Lebensläufe strotzen vor Stationsreichtum, die Timeline immer gefüllt mit spannenden Events und vielen Terminen: eine krasse Karriere, eine schöne Beziehung, ein stabiles Umfeld, exotische Urlaubslocations, viel Geld, viel Freizeit, eine erfolgreiche Work-Life-Balance, viel Sport und gute Ernährung – die Zutaten zum vermeintlichen Ideal eines vollkommenen Lebens? So zumindest wirkt es nach außen. Scheinbar. Doch niemand hat immer alles unter Kontrolle – und sollte das auch gar nicht. Durch den ständigen Versuch, sich im Griff zu haben und sich zu beweisen, haben wir verlernt, einfach mal innezuhalten, uns auch ohne alle (Mis)erfolge anzunehmen und einfach mal nur zu sein.
Popkulturelle Sinnbilder wie „That Girl“ und „Girlboss“ demonstrieren einen Alltag, der gleichzeitig erfolgreich, schön, gesund und diszipliniert sein soll. Sie sind nicht nur Mode- und Fitnesstrends, Beziehungs- oder Erfolgsrezepte, sondern Erzählungen darüber, wie ein gelungenes Leben auszusehen hat. Vermitteln uns, dass es immer noch mehr Potenzial gibt, das wir rausholen können.
Wir vergleichen uns mit Anderen, deren Lebensmodelle und Hintergründe wir zu kennen glauben – obwohl wir sie nur durch eine Linse sehen, die performativ auf einen bestimmten Bereich gerichtet ist. Sie verändern unseren Blick auf uns selbst. Wir erleben vieles nicht mehr um seiner selbst willen, sondern sofort unter dem Blick der Verwertbarkeit: Ist das beeindruckend genug, gesund genug, erfolgreich genug, erzählenswert genug? Was wir nicht sehen: das Dazwischen, die Widersprüche, das Unfertige. Versteh mich nicht falsch: Ich schätze viele dieser neuen Narrative – gerade im Kontext von Female Empowerment. Aber sie können ebenso befreiend wie erdrückend sein. Die gute Nachricht: Wir haben die Wahl, wie wir sie leben.
Vor einigen Jahren habe ich Dolly Aldertons Roman „Alles was ich über die Liebe weiß“ gelesen und reflektiert, wie sehr wir immer wieder versuchen, uns in ein Korsett zu zwängen, das eigentlich niemandem so richtig entspricht. Sich passend zu machen, ist dabei nicht nur schmerzhaft, sondern auch ernüchternd. Wo bleibt da die Kreativität? Die Lücke zwischen Realität und Traum, die Schönheit von Unterschieden, die fruchtbare Reibung zwischen Individuen?
Habe ich alles im Griff? Absolut nicht. Haben alle anderen alles im Griff? Ich bezweifle es. Aber es geht nicht darum, immer alles kontrollieren zu können, eine perfekte Struktur oder für alles eine Strategie, immer eine Lösung parat zu haben. Und genau das würde ich meinem jüngeren Ich gerne sagen: Alles im Griff zu haben ist kein Lebensziel, sondern oft nur eine Pose.