Fly High: mit der ersten syrischen Segelflugpilotin | Weiden24 - Stage

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Sana Jumah ist Segelflugpilotin und ein Vorbild für viele junge Frauen. (Bild: Kurt Maier)
Sana Jumah ist Segelflugpilotin und ein Vorbild für viele junge Frauen. (Bild: Kurt Maier)
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Sana Jumah ist Segelflugpilotin und ein Vorbild für viele junge Frauen. (Bild: Kurt Maier)

Fly High: mit der ersten syrischen Segelflugpilotin

Sana Jumah aus Amberg sitzt nicht nur selbst im Cockpit, sondern inspiriert auch andere Frauen, das Unmögliche möglich zu machen. Sie ist erste syrische Segelflugpilotin und Botschafterin für Frauen in der Luftfahrt und ein Beispiel dafür.

Für Sana Jumah ist der Himmel lange Zeit ein Ort der Angst. In Syrien aufgewachsen, erlebt die 21-jährige Ambergerin den Krieg und sieht mit eigenen Augen, wie Flugzeuge Tod und Zerstörung bringen. „Ich kannte nur Militärflugzeuge“, erzählt sie. „Und das bedeutete in der Regel Tod.“ Der Gedanke an den Himmel ist damals ein Gedanke an Angst – nicht an Freiheit.

Heute, wenige Jahre später, sitzt Sana selbst im Cockpit eines Segelflugzeugs, das lautlos durch die Luft gleitet. Die gleichen Flugzeuge, die einst Schrecken symbolisierten, sind für sie nun ein Ort der Ruhe, Konzentration und Selbstbestätigung. „Segelfliegen gibt mir das Gefühl, dass nichts unerreichbar ist“, sagt sie. „Es zeigt mir, dass man alles erreichen kann, wenn man dranbleibt.“

Der Zufall, der alles veränderte

Die erste Begegnung mit dem Fliegen passiert rein zufällig. Mit 13 Jahren, vier Jahre nach ihrer Flucht nach Deutschland, spaziert sie mit ihren Eltern am Amberger Flugplatz vorbei. Segelflugzeuge waren ihr bisher völlig unbekannt. Doch an diesem Tag durfte sie spontan mitfliegen.

„Ich saß hinten im Flugzeug, wusste überhaupt nicht, wie alles funktioniert“, erinnert sie sich. „Und als wir abhoben, dachte ich sofort: Ich will das auch selbst können.“ Dieses eine Erlebnis hat ihren Weg geprägt: Von der spontanen Neugier zur echten Leidenschaft.

2018 wurde Sana Mitglied im Verein und startete die Flugausbildung – ein Prozess, der Theorie, Praxis und unzählige Stunden Konzentration erfordert.

Die Ausbildung zur Segelflugpilotin

Segelfliegen ist kein Hobby, das man einfach nebenbei lernt und ab und zu ausübt. Wer starten möchte, muss mindestens 14 Jahre alt sein und zunächst flugmedizinisch, also gesundheitlich tauglich sein, ein Sprechfunkzeugnis ablegen und sich durch insgesamt neun Theorieprüfungen kämpfen – von Meteorologie über Luftrecht und Navigation bis zu Menschliches Leistungsvermögen.

Parallel zur Theorie beginnt die Praxis: Anfänger lernen sicher zu starten und zu landen, die Steuerung zu beherrschen, Geschwindigkeit zu halten und die Thermik zu nutzen. „Man muss den Horizont immer sauber halten, vorausschauen, wo andere Flugzeuge sind und wie man möglichst effizient segelt.“

Nach dem ersten Alleinflug folgt die Umschulung auf Einsitzer, längere Streckenflüge, oft 50 Kilometer allein, und das Sammeln von Flugstunden unter Beobachtung von Lehrern. Schließlich steht die praktische Prüfung beim Luftfahrtamt an.

Erste Herausforderungen

Sanas Anfang ist alles andere als einfach. Die Sprache ist trotz guter Deutschkenntnisse eine Hürde: bayerischer Dialekt, Fachbegriffe, schnelles Feedback der Lehrer – das alles musste sie lernen. Gleichzeitig ist sie in einer stark männerdominierten Umgebung. Nur etwa vier bis fünf Prozent der Piloten weltweit sind Frauen, weshalb sie sich auch auf dem Amberger Flugplatz oft doppelt beweisen muss und konstruktive Kritik von zweifelhaften Aussagen trennen muss. „Man lernt viel durch Zuschauen und Zuhören, aber am Anfang fiel mir das schwer, weil ich noch jung und schüchtern war“, sagt Sana. Trotzdem fühlte sie sich am Flugplatz willkommen, fand ihren Platz im Team und entwickelte durch Ausdauer und Leidenschaft Selbstvertrauen.

Mit 15 Jahren war es so weit: der erste Alleinflug. Zwei Fluglehrer hatten ihr die Erlaubnis gegeben, und an einem ruhigen Nachmittag hob sie zum ersten Mal ohne Begleitung ab. „Ich hatte keine Angst“, erzählt sie. „Als ich oben war, merkte ich sofort, wie wendig das Flugzeug ist. Ich habe aus Freude mit mir selbst gesprochen und mich umgedreht, um zu sehen, ob wirklich niemand auf dem hinteren Platz sitzt.“ Drei Platzrunden musste sie fliegen – alle gelangen ihr sauber. Dieser Moment war ein wichtiger Schritt, um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. „Das war das erste mal, dass ich komplett für mich selbst Verantwortung tragen musste.“

Segelfliegen als Lebensschule

Im Frühling 2023 besteht sie ihre praktische Prüfung und gilt seither als die erste syrische Segelflugpilotin – zumindest nach allem, was sie selbst recherchieren konnte. Offizielle Daten gibt es nicht, doch ihr Netzwerk zeigt: In der modernen Luftfahrt ist ihr Name bisher einzigartig unter syrischen Frauen. „Immer wenn ich Leuten aus arabischen Ländern von meinem Hobby erzähle, muss ich erklären, was Segelfliegen überhaupt ist, weil es dort nicht existiert“, sagt sie. Über Social Media und internationale Kontakte hat sie herausgefunden, dass weltweit nur Männer aus Syrien fliegen – und nur sehr wenige Frauen in der Luftfahrt überhaupt. „Also kann ich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass ich die Erste im Segelflug bin“, fügt sie hinzu. Für Sana ist das nicht nur eine Auszeichnung, sondern auch eine Verantwortung: sichtbar zu sein, Inspiration für andere Frauen zu werden und zu zeigen, dass Grenzen oft nur in den Köpfen existieren.

Für Sana ist Segelfliegen weit mehr als nur Technik. „Es ist ein Ort, an dem man alles andere vergessen kann“, sagt sie. „Es gibt mir die Möglichkeit zu träumen.“ Jeder Flug fordert Konzentration, jede Thermik neue Entscheidungen. Das Fliegen selbst ist wie Meditation und Training zugleich. Es lehrt Geduld, Planung und den Mut, eigene Entscheidungen zu treffen.

Besonders wichtig sind Kommunikation und Teamgeist. Am Flugplatz ist jeder Tag ein Zusammenspiel aus Briefings, Wetterkunde, Organisation der Starts und Unterstützung der anderen. „Es ist ein Teamsport. Man hilft sich gegenseitig, und gleichzeitig lernt man viel, indem man anderen zusieht“, erklärt sie. Auch Durchsetzungsvermögen sei vor allem als Frau wichtig. „Und Begeisterung. Denn ohne Begeisterung gibt es keine Motivation.“

Elevate(her) – Frauen vernetzen

Sana möchte mehr, sie will andere Frauen ermutigen. Als Botschafterin der Initiative Elevate(her) unterstützt sie Frauen weltweit, in die Luftfahrt einzusteigen. Die Community, die vor drei Jahren in Großbritannien gestartet wurde, bietet Webinare, Events und Netzwerkmöglichkeiten, um Frauen zu fördern, sichtbar zu machen und ihnen den Einstieg zu erleichtern.

„Es ist wichtig, dass Frauen sehen, dass sie dazugehören“, sagt die Ambergerin. Sie hilft Events in Deutschland, unter anderem in Berlin und Düsseldorf, zu organisieren, und ist über Social Media als Ambassador in Kontakt mit Pilotinnen weltweit. Im April nimmt sie an einem Panel Talk auf der führenden Messe für Luftfahrt „Aero Friedrichshafen“ teil. Die Initiative zeigt, dass Frauen in diesem Bereich nicht alleine sind und gegenseitig voneinander lernen können. „Denn schon Amelia Earhart, eine amerikanische Flugpionierin sagte mal: ‚The most effective way to do it, is to do it.‘“

Besonders jungen Frauen mit Migrationshintergrund möchte sie Mut machen. Ihre eigene Sichtbarkeit hat schon Wirkung gezeigt: Nachrichten aus Großbritannien, von einer Frau, die sie inspiriert hat, den ersten Schritt ins Cockpit zu wagen, bestätigen, dass sie mehr als nur eine Pilotin ist – sie ist ein Vorbild. „Wir Frauen fühlen uns eh schon oft unsicher. Wenn andere mich sehen, steigere ich die Sichtbarkeit und mache es zur Normalität, dass Frauen im Cockpit sitzen.“ Und das ist wichtig, denn die 21-Jährige ist sich sicher, Frauen bringen Kommunikation, Kooperationsfähigkeit, neue Perspektiven und die Fähigkeit, besser Entscheidungen zu treffen, ins Cockpit.

Ein Himmel voller Möglichkeiten

Sana Jumah ist nicht nur die erste syrische Segelflugpilotin – sie ist ein Symbol dafür, dass Herkunft, Alter oder Unsicherheiten keine Grenzen setzen müssen. Durch ihre Geschichte zeigt sie, dass Mut, Leidenschaft und Durchhaltevermögen jede Grenze überwinden können.

„Das Leben ist wie ein Spiel“, sagt sie. „Man bekommt unterschiedliche Karten, und Migration ist dabei vielleicht eine schwächere. Aber egal, welche Karten man bekommt, man kann immer etwas daraus machen.“ Heute blickt sie nach oben – und sieht einen Himmel voller Möglichkeiten.

Und Sana Jumahs Reise ist noch lange nicht beendet. Nach einer Phase, in der sie weniger aktiv war, will sie wieder zurück in die Luft. Besonders reizt sie der Kunstflug: Loopings, Rollen, Flüge auf dem Kopf – eine neue Dimension des Segelfliegens, die technisches Können und Mut vereint.

 
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