Draußen mit Freunden feiern - Musik-Festivals sind gerade für die jüngere Generation ein Lebensgefühl. Was die Fans jetzt antreibt und warum Live-Events für Künstler wichtiger denn je sind.
Es ist endlich wieder Festival-Saison: Ob Electro, Rock, Jazz, Folk, Schlager oder alles dazwischen - mehr als 1.800 Festivals können Musikfans aller Genres in Deutschland übers Jahr besuchen. Und es werden tatsächlich mehr. „Festivals boomen“, sagte Johannes Everke, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg. Es gebe mittlerweile rund 20 Prozent mehr Festivals als noch vor der Corona-Pandemie.
„Es gibt immer wieder schöne Erfolgsgeschichten von Festivals, die mit einem frischeren Format, anderen Partnerschaften als üblich oder ihrer eigenen Story den Nerv der jüngeren Zielgruppe, die ein bisschen anders tickt, treffen.“ Als Beispiele nannte er das Festival San Hejmo, das Dance-Festival Parookaville, das Festival Heimliche Liebe und das bunt gemischte Festival Glücksgefühle. Dass die Festival-Landschaft durchaus in Bewegung ist, sei ganz normal. Denn sie spiegele auch den Zeitgeist und die Atmosphäre der Jugend wider.
Festivals sind noch vergleichsweise jung. Diese Art der Unterhaltung gibt es in Deutschland erst seit etwa 60 Jahren. Der Großteil der Festivals in Deutschland ist übrigens eher klein. „Wir haben 1.800 Festivals, da sind natürlich die allermeisten sehr klein. Aber das ist ja auch sonst die Normalverteilung. Bei Indoor-Konzerten sind auch Club-Shows die weit überwiegende Anzahl und nicht die Stadion-Shows oder Hallen-Shows.“ Diese Kleinteiligkeit bilde auch das sehr diverse und vielfältige Kulturleben hierzulande aus, sagte Musikbranchen-Experte Everke.
Doch der Spaß ist nicht billiger geworden. Für beide Seiten nicht. Von Adele und Taylor Swift über ein Ticket für The Strokes oder das Hurricane-Festival bis hin zu einer Karte für ein Konzert im Hamburger Club „Molotow“ - über alle Spielstätten hinweg seien die Tickets durchschnittlich um etwa 30 Prozent teurer geworden. „Aber die Produktionskosten, die viele Faktoren zugrunde liegend haben, die sind so um 50 Prozent gestiegen.“ Mehr Angebot bei gleichzeitigem Preisanstieg? Das sei eine durchaus gefährliche Entwicklung für die Musikbranche, sagte Everke.
Gleichzeitig sind Künstlerinnen und Künstler so stark wie selten auf die Einnahmen durch die Live-Konzerte angewiesen. Nur etwa fünf Prozent ihrer Einnahmen kommen über das Streaming auf ihr Konto, wie Everke berichtet. Live-Events dagegen machen rund die Hälfte ihrer Einnahmen aus. „Der Live-Bereich ist einfach das Schwergewicht bei den Einnahmen.“
Auch die Veranstalter brauchen die Gewinne durch Konzerte von großen Namen. Denn diese Big-Events finanzieren auch die kleinen Konzerte und Club-Shows von Acts, die noch nicht so bekannt sind.
„Das nennen wir Circle of Life. Warum tun wir das? Weil aus diesen kleinen Shows die Stars für die großen Shows von morgen werden.“ Sich dieses Aufbaugeschäft zu leisten, sei zuletzt schwieriger geworden. „Unsere Kosten sind halt wahnsinnig gestiegen, unsere Margen werden kleiner. Das macht es echt sehr schwierig, Nachwuchsbands auf die Bühnen zu stellen. Aber sie brauchen unsere kleinen Bühnen von Clubs bis Festivals, um wahrgenommen zu werden.“
Festivals sind ein wichtiger Zwischenschritt hin zu einer erfolgreichen Künstlerkarriere. Denn während beispielsweise Mark Forster, SDP und Zartmann die Massen anlocken, werden tausende Besucherinnen und Besucher auf dem Festival auch die Nachwuchs-Acts davor oder auf den weiteren Bühnen erleben - und werden so vielleicht zu neuen Fans.
„Festivals sind für viele ein wichtiger Ort, wo sie neue Musik entdecken und ihre musikalischen Vorlieben geprägt werden“, sagt auch Frehn Hawel, Sprecher des Hamburger Veranstalters Karsten Jahnke Konzertdirektion. Und auch hier gelte: „Die kleinen Bands der Festivals sind oft die Headliner von morgen.“
Die Branche hat trotz der durchwachsenen Zahlen durchaus Hoffnung und ist in Aufbruchstimmung. Auch, weil junge Leute wieder mehr Wert auf analoge Momente legen. „Verschiedene Jugendstudien zeigen, dass Konsumentscheidungen zugunsten von Erlebnissen getroffen werden und nicht zugunsten von Besitz. Das ist eine interessante Entwicklung“, sagte Everke mit Blick auf eine aktuelle Erhebung des Allensbach-Institutes und auf die Shell-Studie 2024.
„Wir sehen aktuell sehr deutlich, dass nicht weniger Geld ausgegeben wird, sondern fokussierter. Fans entscheiden sich gezielt für Kulturerlebnisse - Festivals stehen dabei ganz oben.“
Ein zweiter Grund für mehr Zuversicht: Menschen gehen wieder regelmäßiger zu Konzerten und Co. Fast 5,4 Millionen Menschen gehören einer Allensbach-Studie zufolge zu den wiederkehrenden Konzertbesucherinnen und -besuchern. Das liege sogar vor dem Corona-Niveau und sei Rekord, sagte Everke.
Gemeinsam zu Pearl Jam tanzen, zusammen mit Nina Chuba springen und mit Freunden danach in Erinnerungen schwelgen - Festivals schaffen schon immer Erlebnisse, die verbinden und bleiben. Das sieht auch Karsten-Jahnke-Sprecher Hawel so: „Durch Festivals entstehen Freundschaften und es gibt gemeinsame Erlebnisse, auf die sich die Leute ein ganzes Jahr lang zusammen freuen.“
Und Everke ergänzt: „Wir verkaufen in Wirklichkeit ja nicht nur Musik. Denn die ist ja kostenlos über das Streaming verfügbar, dafür musst du im Grunde kein Geld ausgeben.“ Stattdessen schaffen Live-Veranstaltungen vielmehr ein Gemeinschafts- und Identifikationsgefühl. „Das ist dieser entscheidende Moment, wo dann der Funke überspringt zwischen Künstlern und Fans.“
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